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Schrödingers Valentinstag

Veröffentlicht am 29.07.2018

Hier mal eine Geschichte, die ich vor einigen Monaten geschrieben habe. Sie war für eine Ausschreibung gedacht und hatte das Kernthema (Liebesgeschichte) und den Umfang von maximal 20.000 Zeichen vorgegeben. Auf der Suche nach Ideen bin ich bei einem Bekannten hängengeblieben, der in letzter Zeit nicht wirklich Glück mit Frauen hatte. Da dachte ich mir, warum widme ich ihm nicht mal eine alternative Realität in Form einer Geschichte, in der er mehr Glück hat? Und dann dachte ich, hey, alternative Realität. Der Rest kam dann von selbst.

Nach Beendigung der Geschichte war ich nicht sonderlich glücklich damit und habe sie auf den Übungshaufen geworfen. Jetzt, nach einiger Zeit der Reifung, habe ich sie nochmal durchgelesen und geringfügig überarbeitet, und jetzt gefiel sie mir plötzlich. Hier mal eine Leseprobe aus der Mitte. Die gesamte Geschichte gibt es als Download unter dem Punkt Kurzgeschichten.

„Tut mir leid, nein“, sagte sie, in einem sehr warmherzigen und ehrlich-freundlichen Ton. „Unter anderen Umständen vielleicht, aber nicht mehr in diesem Universum.“

„Okay, damit kann ich leben. Ich müsste jetzt nur noch herausfinden, in welchem Universum ich Sie doch rumkriege. Das sollte nicht so schwer sein. Da slide ich dann hin, und dann sind wir beide heute Abend nicht mehr alleine.“

Arpad wirkte auf Anna in der Tat sehr charmant und humorvoll. Und jetzt beeindruckte es sie, dass er scherzen konnte ohne dabei eine Miene zu verziehen. Sie hingegen war so gestrickt, dass sie bei Scherzen immer lachen musste. So auch jetzt. Auch wenn es mit ihm nichts werden würde, nichts werden könnte, so rettete er ihr mit seiner Art doch ein wenig den Tag, soweit dieser noch gerettet werden konnte. Sie entschloss sich, mitzuspielen.

„Aha“, sagte sie in einem Ton, als ob sie mit einem Kind oder einem Verrückten spräche, und nickte dabei deutlich und langsam mit dem Kopf. „Sie ‚sliden‘ in ein anderes Universum. Ist klar.“

„Nein, im Ernst.“

„Aha“, sagte sie erneut, „und wie soll das gehen?“

„Ihnen ist die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik nicht bekannt?“

„Ich bin zwar Naturwissenschaftlerin, aber mit Quantenmechanik kenne ich mich nicht aus, nein.“

„Dann kann ich es erklären. Ich bin nämlich promovierter Teilchenphysiker. Und unter uns Kollegen, nenn mich Arpad.“ Er hielt ihr das Glas hin.

„Anna“, antwortete sie und stieß mit ihm an. Beide nahmen einen Schluck.

„Also dann Anna. Kennst du Schrödingers Katze?“

„Ja, die ist mir durchaus ein Begriff.“

„Schrödingers Katze ist ein Gedankenexperiment. Es überträgt das quantenmechanische Problem der überlagerten Zustände eines Teilchens auf die makroskopische Welt.“

„Moment, nicht so schnell“, unterbrach Anna. „Ich bin ‚nur‘ Chemikerin. Erklär es mir bitte in einfacheren Worten.“

„In Ordnung, ich versuch’s. Also, ein Teilchen wie zum Beispiel ein Elektron kann mehrere Zustände annehmen. Es kann zum Beispiel da sein oder nicht da sein. So wie eigentlich alles. Ich zum Beispiel. Ich sitze hier oder ich sitze nicht hier. Aber: Das Teilchen kann zur selben Zeit da sein UND nicht da sein. Wenn wir es in unserer Welt, in der wir nur die großen Dinge sehen und nicht die Teilchen, also wenn wir es in unserer Welt messen, dann können wir nur einen Zustand wahrnehmen.“

„Ja, genau“, unterbrach ihn Anna. „Ich erinnere mich wieder. Schrödingers Katze ist in einer Kiste und wird getötet oder auch nicht, je nachdem ob ein Atom zerfällt oder nicht. Aber solange wir nicht nachschauen ist das Atom sowohl zerfallen als auch nicht zerfallen, und die Katze ist lebendig und tot zugleich.“