Am 12. Dezember 2017, wenige Tage nach ihrem siebten Geburtstag, starb die kleine Lina an einem Hirntumor. Sie selber hatte ich zwar nie kennengelernt, aber ich kenne ihren Vater. Da ich ihm zur Seite stehen wollte war ich auf ihrer Trauerfeier. Den kleinen weißen Sarg zu sehen war mit das schlimmste, was ich in meinem bisherigen Leben erleben musste. Es ist einfach nicht richtig, dass Eltern ihr Kind zu Grabe tragen müssen. Es fühlt sich so unendlich falsch an.
Elfenfähren, im März 2018 entstanden, ist mein Weg, diese Tragödie zu verarbeiten. Wie üblich sind hier die ersten 500 Worte, die ganze Geschichte gibt es als Download unter dem Punkt Kurzgeschichten.
Für Lina.
Laura lief über den Strand. Eigentlich sollte sie gerade in der Schule sein, aber da ist sie länger nicht mehr gewesen. Zuletzt vor den Weihnachtsferien. Dabei ging sie immer gerne zur Schule. Aber gerade, als sie vor gut einem halben Jahr in die dritte Klasse kam, wurde sie krank. Seitdem war sie öfter im Krankenhaus als in der Schule. Und seit einigen Monaten war sie gar nicht mehr in der Schule, seitdem war sie abwechselnd im Krankenhaus oder irgendwo mit ihren Eltern im Urlaub.
Als sie letzten Sommer hier am Strand war, da war alles voller Menschen. Und es war sehr heiß. Jetzt war es kühler und für Laura deutlich angenehmer, und der Strand war fast leer. Außer ihren Eltern und ihr waren noch ein paar wenige Menschen hier, und sie war das einzige Kind. „Nebensaison“ hatte ihre Mutter dazu gesagt.
„Pass auf, das Wasser ist kalt!“
Laura hörte die Warnung ihrer Mutter, aber wie üblich ignorierte sie sie. Wenige Sekunden später umspülte eine kleine Welle Lauras Beine. Sie blieb abrupt stehen und machte ein paar Sätze aus dem Wasser heraus. Hätte sie mal nur auf ihre Mutter gehört, denn das Wasser war wirklich kalt. Das hatte sie auch anders in Erinnerung.
Aus ihrem Plan, im Wasser zu toben, wurde erst mal nichts. Aber sie wollte jetzt auch nicht sofort zu ihren Eltern zurücklaufen, denn das würde bedeuten, sie würde zugeben, dass sie recht gehabt hätten mit dem kalten Wasser. Also blieb Laura erstmal knapp oberhalb der Linie stehen, bis zu der das Wasser der Wellen schwappte, und beobachtete das Meer. Irgendwo da hinten wäre Afrika, hat ihr Vater ihr letztes Jahr gesagt. Aber so sehr sie sich anstrengte, sie konnte nicht so weit sehen.
Einige Minuten lang – gerade einmal lange genug, dass ihre Eltern die Warnung mit dem kalten Wasser vergessen haben sollten und sie erhobenen Hauptes zurückkehren könnte – beobachtete sie die Wellen und den Strand und hielt Ausschau nach Muscheln. Dann lief sie zu ihren Eltern, schnappte sich Eimer und Schaufel und lief wieder zurück zum Wasser.
Sie suchte sich eine Stelle mit einer leichten Mulde und passte die Wellen ab, damit sie mit dem Eimer so viel Wasser wie möglich auf einmal schöpfen konnte, ohne sich dabei die Füße nass zu machen. Dann lief sie ein paar Schritte vom Wasser weg und goss den Eimer auf eine Stelle aus, den sie als passendes Bauland ausgemacht hatte. Dies wiederholte sie solange, bis genug Sand nass war, um damit das Märchenschloss aus dem Disneyland nachzubauen, das sie vor zwei Monaten besucht hatte.
Sie hatte gerade einen schönen hohen Turm und einen weiten Burggraben drumherum fertig, als eine der Wellen, die deutlich größer war als die bisherigen, bis zum Schloss schwappte und sich in den Burggraben ergoss. Laura sprang auf und machte einen Satz zurück. Aus ihrer sicheren Entfernung begutachtete sie den Wasserschaden. Der Burggraben war ein wenig abgeflacht und mit Wasser gefüllt, aber es war nichts, das man nicht hätte beheben können. Sie beobachtete noch ein wenig die Wellen.