Auf die Idee, diese Geschichte zu schreiben, bin ich im Rahmen einer Ausschreibung gekommen. Das Thema war Steampunk, also das SciFi des 19. Jahrhunderts. Entstanden ist sie auf zwei Zugfahrten im Juli 2017. Ende August hatte ich sie eingeschickt, Anfang Dezember kam ein erstes positives Feedback, und seitdem warte ich... Nun denn, es wäre vermessen, zu denken, die hätten da nur auf mich gewartet.
Hier kommen nun die ersten 500 Worte der Geschichte. Die vollständige Geschichte findet ihr als Download unter dem Menüpunkt Kurzgeschichten.
London, Ende November 1888. Die Nacht war kalt. Den Tag über hatte es leicht, aber fast durchgängig geregnet. Einmal hatte sich sogar der erste Schnee des herannahenden Winters in den Regen gemischt, aber das hatte nicht lange angehalten. Mit dem Einbruch der Nacht hatte der Regen aufgehört und war in den letzten Stunden dem Nebel gewichen, der für diese Gassen fast schon obligatorisch war.
Eine dunkle Gestalt wandelte durch diesen Nebel. Der Kragen seines schwarzen Mantels war hochgeschlagen, sein Hut hing ihm tief im Gesicht. Eigentlich wollte er gar nicht hier sein, zu sehr widerten ihn diese Gassen und ihr Gestank an. Es stank nach Unrat, Fäkalien und nach dem schmutzigen Geschäft, dem die Huren hier nachgingen. Es war der Gestank von Whitechapel.
Und Jack, wie sie ihn nannten, hasste Whitechapel. Jack war natürlich nicht sein richtiger Name. Den hätte er keinem verraten, denn obwohl er hier im Auftrag der Reinheit und einer höheren Moral unterwegs war, hätte man ihm dafür keinen Orden um die Brust gehängt. Im Gegenteil, der Henker von London hätte ihn gehängt. Leider zeigte die Gesellschaft, für die er Whitechapel vom menschlichen Unrat befreite, kein Verständnis für das Opfer, das er hier erbrachte.
Jack bog von der Fairclough Street in die Berner Street ein. Es war der Ort seiner größten Schmach. Hier wäre er zwei Monate zuvor beinahe ertappt worden. Er hatte der Hure gerade mal die Kehle durchgeschnitten, als er Schritte hörte und seine Mission unvollendet aufgeben musste. Aber zum Glück fand er kurze Zeit später einige Straßen weiter stadteinwärts ein neues Opfer, und so konnte er seine Mission für diese Nacht beenden.
Doch das Schicksal schien ihm diesmal eine zweite Chance geben zu wollen: Nur wenige Schritte vom Durchgang zu dem Hinterhof entfernt, in dem er zwei Monate zuvor sein Werk nicht beenden konnte, standen sie schon wieder und warteten darauf, ihren Körper für ein paar Pennies an den nächstbesten Matrosen zu verkaufen.
„Na Seemann? Wie wär‘s mit uns?“
Die Sünder hier in Whitechapel schienen schnell zu vergessen. Keine von den Dreien, die hier ihrem ehrlosen Geschäft nachgingen, schien es zu stören, dass eine von ihnen gerade mal eine Ecke weiter ihr Leben ausgehaucht hatte. Mit Sicherheit war jede von ihnen auch die Tochter eines armen Bauern oder Fischers aus einer entfernten Ecke der Welt. So wie Elisabeth, die er hier geopfert hatte und die aus Schweden kam, oder Mary Jane aus Irland.
An Mary Jane dachte er am liebsten zurück. Sie war bisher seine beste Opferung. Ihm war klar, dass es schwer sein würde, sie zu übertreffen.
Elisabeth, Mary Jane und die anderen suchten ihr Glück in der Stadt, aber sie fanden die Hölle. Eine Hölle, aus der Jack sie mit seinen Gnadentaten befreite.
„Na wie wär‘s?“
Ein paar betrunkene Waliser torkelten lallend an den drei Dirnen vorbei. Jack schaute ihnen hinterher, wie sie anstößige Seemannslieder singend langsam im Nebel der Berner Street verschwanden. Auch um sie wird sich gekümmert werden, dachte Jack. Aber nicht von ihm. Gott selbst wird schon dafür sorgen, dass sie ihrer gerechten Strafe zugeführt werden und sie in ihr nasses Grab geleiten.